13.10.2021

Peggy Parnass spöttelte in einem ihrer Artikel über deutsche Kibbuzbesucherinnen: „Germans are nice now.“ Daran muss ich denken, als ich von einer regelrechten Charme-Offensive der Taliban lese. Afghanische Minister sprechen von Nachsicht, Geduld und Güte. Die Afghaninnen, denen ich auf Twitter folge, sind nicht überzeugt.

Kritik am Afghanistaneinsatz kommt anscheinend auch aus der Bundeswehr selbst.

Bei meinen Recherchen stolpere ich über die afghanische Dichterin Nadia Anjuman.

In der Firma munkelt man von Personalabbau. Dabei hat die Firma, diese Kriegsgewinnlerin, sich dumm und dusselig verdient.

12.10.2021

Es ist Herbst. Vor meinem Home Office – Fenster sind die Bäume aber noch überwiegend grün. Manchmal friere ich schon am Schreibtisch.

Auf Twitter schreibe ich, dass ich den Gebetsruf der Muslime als schön und manchmal sogar als tröstlich empfinde, mehr nicht, aber jemand meldet den Tweet. Ich verstehe die Leute nicht.

Menschen diskutieren über finanzielle Hilfe für Afghanistan. Klar ist, dass man damit auch das Taliban-Regime unterstützt. Aber kann man deshalb Millionen Menschen hungern lassen?

Mit Yasir rede ich über Halbprivates, das nicht hierher gehört.

11.10.2021

Zu welchem Ende soll man das Gespräch fortsetzen, fragt der sehr geschätzte Herr Hauptsschulblues, und bezieht sich auf mein Gespräch mit Yasir. Ja, es ist schockierend, was Yasir sagt. Nein, ich glaube nicht, dass er zu beeinflussen ist. Und selbst wenn ich ihn beeinflussen könnte, brächte ich ihn damit möglicherweise in Gefahr. Ich weiß nicht, wie Taliban auf Abweichler reagieren. Was ich weiß: wir haben uns trotz allem aufeinander eingelassen, wir können einander jetzt nicht mehr ohne weiteres fallen lassen. (Und immer die Fragen: Würde ich auch mit einem Nazi reden? Brächte ich die Geduld auf? Wäre es richtig oder falsch? Wo läge der Unterschied?)

Auf Twitter sehe ich Bilder und Videos aus Afghanistan. Soldaten und Kämpfer in unterschiedlicher Kleidung, von Camouflage bis Räuberzivil. Die Szenen sind für mich nicht immer verständlich. Ein Bild sagt eben nicht immer mehr als tausend Worte. Also lese ich. Dabei stütze ich mich auf U.S.- amerikanische Quellen. Der Google-Übersetzer stößt schon auf Twitter an seine Grenzen. Afghanische Quellen sind deshalb für mich nicht lesbar. Das Badri-Bataillon kämpft gegen ISIS und bildet seinerseits Selbstmordattentäter aus. The Khaama Press versucht, ausgewogen zu berichten, glaube ich.

Ich lerne einzelne Dinge über ein fremdes Land, aber wie die Gesellschaft in diesem Land funktioniert, verstehe ich noch lange nicht. Wer ist wem gegenüber loyal und warum?

Anderswo

Grausames aus Afghanistan gelesen, aber sind wir im sogenannten Westen wirklich so viel besser? Die Veranstaltung ist vorbei, aber vielleicht hat jemand Lust, sich zu informieren. Quellen gibt es sicher genug.

Ein Podcast und ein feministischer Blick auf Afghanistan. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang daran, dass auch Apple Ihre Daten verarbeitet. Also: Klick auf eigene Gefahr.)

Schon ein bisschen älter: Afghanische Journalisten brauchen Hilfe.

Leben unter den Taliban. Ein kurzer aktueller Bericht.

Damit wir nicht den ganzen Samstag Trübsal blasen: Was die Herren Matrosen sagen. Übrigens habe ich kürzlich ein neues Wort gelernt: Seemannssonntag.

07.10.2021

Die ersten Feigen des Jahres kommen aus Bursa. Da gibt (gab?) es einen Militärflughafen, der früher täglich um 21.00 Uhr schloss. Ein Krankentransport wäre daran fast gescheitert. Ich weiß noch, wie ich damals, vor vielen Jahren, auf einen Kommandanten, der ein sehr viel besseres Französisch sprach als ich, einredete, damit er ihn bis 23 .00 Uhr offen hielt. Am Ende nannte er mich „ma fille“ und ich ihn „Oncle Mehmet“. Das Flugzeug durfte schließlich doch noch landen und auch in der selben Nacht wieder abfliegen.

Ich rede weiter mit Yasir. Auf seiner Seite Kriegsrhetorik. Ein Selbstmordattentat, so schreibt er, sei ein Akt des Glaubens, der ihm nicht erlaubt sei, solange keine Feinde in seinem Land seien. Das beruhigt mich nicht wirklich.

Der Freund, der kein Freund ist, ist für mich ebenso wenig zu erreichen wie Yasir.

06.10.2021

In der Nacht schlafe ich so gut wie gar nicht. Sobald wie möglich, melde ich mich im Home Office an. Zum Glück ist nicht allzu viel los. Mein Antrag auf Heimarbeit auch nach der Pandemie wird sofort genehmigt. Eigentlich will ich so wenig wie möglich von zu Hause arbeiten, aber die Firma wünscht es aus Gründen, und ich will mir aus anderen Gründen und für alle Fälle die Möglichkeit offen halten.

Ich beende den Arbeitstag früh und schlafe knapp drei Stunden. Danach rede ich mit Yasir per WhatsApp über ein schwieriges Thema. Das schwierigste von allen. Ich setze voll auf Emotion. Es wird nichts nützen, das weiß ich. Trotzdem. Daneben recherchiere ich weiter.

Yasirs sonniges Gemüt auf der einen Seite und sein religiöser Starrsinn auf der anderen. Man möchte nicht glauben, dass so etwas möglich ist. Seit ein paar Tagen kenne ich sein Foto. Ein kräftiger junger Mann um die dreißig, brünett mit weichen Gesichtszügen, wie mein Bruder in dem Alter.

Nächste Fragen an mich selbst und an Yasir: Wie funktioniert eine islamische Republik? Wie habe ich mir einen Staat ohne Demokratie vorzustellen? Wo liegt der Unterschied zwischen der Ideologie der Taliban und der des ISIS-K?

Judas Thaddäus, der Heilige für die hoffnungslosen Fälle.