19.07.2021

Bürotag.

Morgens in der U-Bahn tragen alle ordentlich ihre FFP2-Masken. Am Abend sind diverse Nasenbären, eine Nudistin* und einer mit Kinnbinde zu sehen. Der mit der Kinnbinde steht in meiner Nähe, und drei Stationen weit denke ich darüber nach, ihn zu bitten, seine Maske korrekt zu tragen. Ich entscheide mich jedoch dagegen und steige ein paar Stationen früher um als geplant. Er folgt mir nicht. Sein Glück, denn sonst hätte ich ihn doch angesprochen.

Im Büro geschieht auf allen Ebenen nur allzu bekanntes. Sehen Sie es mir nach, dass ich nicht darüber schreiben kann, obwohl es mir in den Fingern juckt. Außerdem Arbeit zuhauf, nicht zuletzt auf Grund des Hochwassers.

Eine sehr kompetente und fleißige Kollegin muss ins Krankenhaus. Sie fehlt in mehr als einer Hinsicht und ist kaum zu ersetzen.

Die Isar ist leicht über die Ufer getreten, aber noch hat das Wasser viel Platz.

Frau Sehkrank schimpft, und zwar mit Recht.

*eine Dame ganz ohne Maske

Hochwasser

Einige Hochwasser habe ich als Kind im Dorf erlebt. Die machten die Wiesen fruchtbar, und das Wasser hatte ausreichend Platz, sich zu verlaufen. Mein Großvater, der keine Fischereirechte besaß, ging auf seine Weiden und sammelte die gestrandeten Fische ein. Anscheinend war das nicht verboten. Manchmal stand Wasser auf der Dorfstraße. Einmal ertrank ein Kind.

Das nächste Hochwasser erlebte ich als Studentin in Saarbrücken. Die Stadt, durch Schaden klug geworden, hatte damals schon in Hochwasserschutz investiert, so dass es einigermaßen glimpflich abging. Frau F., eine Dozentin, erntete viel Applaus, wenn sie ein Foto herumzeigte, das beweisen sollte, dass man die Universität zu Wasser erreichen könne. Sie hatte einen Wegweiser fotografiert, der tief im Wasser stand.

Im Jahr 2000 wurde in München im Rahmen des Isar-Plans die Isar, bis dahin ein hässlicher Kanal, renaturiert, was zum einen dem Hochwasserschutz diente, zum anderen ein wenig Natur und Schönheit in die Stadt zurückbrachte. Den Plan gab es seit 1995. 1999 kam aber erst einmal das Pfingsthochwasser, bei dem das Wasser auf Höhe der Braunauer Brücke anfing, die Straße zu überschwemmen. Auf der Wittelsbacher Brücke standen Menschen, um das Hochwasser zu sehen. Ich fand das nicht klug, warf aber täglich einen Blick auf den dortigen Pegelstandsanzeiger. Das tue ich heute noch, wenn ich dort vorbeikomme.

Bei leichtem Hochwasser bin ich schon in der Isar geschwommen, aber machen Sie das bitte nicht nach. Die Isar ist gefährlich. Wirklich, auch für kräftige, flussgewohnte Schwimmerinnen wie mich. Als ich noch regelmäßig in der Isar geschwommen bin, kannte ich an der entsprechenden Stelle die Strömung. Theoretisch, denn in jedem wasserreichen Frühling hat sich die Strömung ein wenig verändert, und es war jedes Jahr aufs Neue ein Abenteuer. Auch wenn ich an der wahrscheinlich allerruhigsten Stelle, an der Weideninsel, geschwommen bin. Heute tue ich das nicht mehr. Meine Gesundheit ist nicht mehr, was sie war, und die Kraft hat nachgelassen. Außerdem schwimmt da inzwischen gefühlt die halbe Stadt. Es wäre mir also ohnehin zu voll.

16.07.2021

Wieder einmal Notrufdienst während einer Katastrophe. Den Tsunami habe ich seinerzeit ausgelassen, weil ich kurze Zeit glaubte, ich könnte auch irgendwo arbeiten, wo nicht regelmäßig Blut spritzt und Knochen splittern. Aber ansonsten: Kaprun, Galtür, mehrere Hochwässer…

Die Diskrepanz zwischen dem, was ich tun könnte und müsste, und dem, was mein Arbeitgeber vorgibt bzw. was ich schaffe. Erkennen, wo mir Grenzen gesetzt sind und diese Grenzen respektieren.

Die Mutter, der ich am Abend nicht mehr helfen konnte, ist wohlauf, aber immer noch ohne Wasser, Strom und Auto. Sie war/ist nicht in unmittelbarer Gefahr; für die unmittelbare Gefahr bin ich nicht zuständig, aber dennoch in einer misslichen Situation.

Später eine Kundin, die von Beginn des Gesprächs auf Krawall gebürstet ist. Die Tochter hat einen unbedeutenden Fahrzeugschaden in Italien, die Mutter benimmt sich, als hätte ich ihn verursacht. Irgendwann verbitte ich mir den Ton.

Dazwischen Abrechnungen, zwei Regresse. Einen hat die Kollegin während meines Urlaubs „dümpeln“ lassen, obwohl Fristen zu beachten sind. Die andere Akte schließe ich, der Regressgrund ist zweifel- und die Unterlagen lückenhaft; außerdem ist der Betrag gering.

Der beste Ex der Welt ruft an, ich rufe nicht zurück. Auf Twitter spritzt die Moralinsäure.

Kommentare geschlossen.

13.07.2021

Es regnet fast den ganzen Tag.

Ich arbeite und wundere mich. Dann lese ich Twitter und wundere mich noch mehr. Ich habe mich verändert.

Bei Frau Lakritze lese ich von einem Kurort und erinnere mich daran, dass ich neun Kindheitsjahre in einer Kurstadt verbracht habe. Ob ich jemals in Bad Münster war, weiß ich nicht mehr. Meine aus unterschiedlichen Gründen viel- wenn auch nicht weitgereiste Familie war möglicherweise einmal da, möglicherweise war ich mit. Sophasophias Bilder scheinen vage Erinnerungen hervorzulocken.

Frau Wildgans erzählt von „spanischen Rumziehleuten“, die eine Reisetoilette erfanden. Das weckt Erinnerungen, und sogar sehr präzise.

Bei der Kraulquappe ist die Rede von Bergen. Leider sagen mir Berge gar nichts – nichts für ungut – nur die, die neuerdings am Kopfende meines Blogs zu sehen sind, toleriere ich, geradeso und ausnahmsweise.

Am Abend finde ich auf Arte eine Dokumentation über Colette.

Selbst habe ich wenig Lust zum Schreiben. Alle erwähnten Autorinnen außer Colette finden Sie in meiner Blogroll, für Links bin ich aber zu faul.

Lieblingssatz 08072021

„Der Frühling besucht auch einen alten Baum.“

(Ein neuer Lieblingssatz, gefunden im wunderbaren Blog von Meng-Lin Chou)

Was denken Sie? Sind Sie ein alter Baum? Kommt der Frühling noch manchmal vorbei? Wie sieht er aus? Oder haben Sie die Hoffnung aufgegeben? Erzählen Sie mir davon?

07.07.2021

Der Kunde schreibt einen Brief. Er hat sich eine originelle Anrede ausgedacht: Hy folks by [Firmenname]! – Superultracool. Nur Englisch sollte er mal lernen.

Neue Besen kehren niederbayerisch. In dieser Sprache leitete unsere blutjunge Interimschefin das heutige Teammeeting. Gut, dass ich kein Niederbayerisch verstehe. (Scherz beiseite, natürlich verstehe ich sie, aber das weiß sie nicht. Es interessiert sie aber anscheinend auch nicht die Bohne.) Zusammen mit Susi Südzucker bildet sie ein Duo, das mir in Zukunft ein steter Quell der Freude sein wird.

Lustig war, sich über die verschiedenen Abstürze und Pannen im Home Office auszutauschen: bei jeder von uns funktioniert etwas anderes nicht, aber im Team können wir die Technik überlisten. Übrigens hatte der Quotenmann Urlaub, was die Besprechung ungemein verkürzte. Er ist nämlich sehr gesprächig.

Seit ich über Circuit telefoniere, funktioniert auch Skype wieder, und zwar sogar ohne dass der Laptop sich derart erhitzt, dass man auf der Tastatur Spiegeleier braten könnte. So hat alles seine Vorteile.

Die Menschheit macht Urlaub in Ungarn. Ich weiß nicht, ob ich in ein Land reisen wollte, das von Viktor Orbàn regiert wird.

05.07.2021

Nach fast eineinhalb Jahren im Home Office komme ich auf den Gedanken, mein (kaltes) Mittagessen schon morgens vorzubereiten. Bei einer Mittagspause von nur 30 Minuten, die ich peinlich genau einhalte, sollten nicht 10 Minuten für die Zubereitung des Mittagessen verschwendet werden. Da es warm ist, koche ich den Kaffee schon im Voraus und lasse ihn abkühlen.

Vor der Arbeit nehme ich Wäsche ab, wasche Wäsche, hänge Wäsche auf und putze die Küche.

Zu Arbeitsbeginn erst einmal eine Panikattacke, weil das Telefon in der Realität doch nicht so funktioniert wie getestet. Ich finde den Fehler aber überraschend schnell und kann telefonieren. Das ist gut, denn es kommen sehr viele Anrufe herein.

Auch der Chef ruft an und teilt mit, dass er jetzt sechs Monate lang in ein Projekt eingebunden ist und in dieser Zeit keine Chef-Dinge tun wird. Einen Teil seiner Aufgaben übernimmt eine relativ neue Kollegin, aber man hat ihr weder fachliche noch disziplinarische Verantwortung übertragen.

Ich erfahre, dass wir in der nächsten Zeit peu á peu ins Büro zurückkehren sollen. Mein erster Bürotag ist an diesem Freitag. Außerdem „haben wir die Erlaubnis“ diesen Samstag „freiwillig“ zu arbeiten. Ich glaube aber, ich werde von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machen. Aus Gründen.

Und aus gegebenem Anlass: Pío Leyva, Pío Mentiroso

Schaftlach -> Gmund

Am Bahnhof zuerst nach links und dann am Friedhof vorbei, sagt die Wegbeschreibung, aber links ist kein Weg. Ich schaue in alle Richtungen und sehe etwas entfernt einen Hinweis auf einen Radweg in Richtung Gmund. Nun gut, ich bin kein Rad, aber ich folge dem Wegweiser trotzdem. Am Wegrand entdecke ich ein geschnitztes, wunderschön bemaltes Kruzifix, traue mich aber nicht, es zu fotografieren. Vielleicht beim nächsten Mal.

In Schaftlach gibt es schöne Gärten, einen Zahnarzt, Metzger, Bäcker und anscheinend auch sonst alles, was man zum Leben braucht. (Vielleicht sollte ich umziehen und auf Dauer ins Home Office gehen?) Außerdem gibt es einen Hinweis auf eine Kapelle. Auch in der Beschreibung des Wanderwegs wurde eine Kapelle erwähnt, aber woher soll ich wissen, ob beide Male dieselbe gemeint ist? Das ist tiefstes Katholistan, da gibt es wahrscheinlich mehr Kapellen als Klohäuschen. Ich folge also weiterhin dem Radweg nach Gmund, der aber nur allzu bald in eine Bundesstraße einmündet. Auf der einen Seite geht es nach Waakirchen, das ist die falsche Richtung. Die Karte ist nicht sehr deutlich, die schon sichtbaren Silhouetten der Berge sehen für eine Flachländerin wie mich alle gleich aus, und ich bin ja bekanntermaßen ohne Orientierungssinn geboren. Auf gut Glück biege ich in einen Waldweg ein, folge Traktor- und Pferdespuren und lande erst auf einem Holzplatz und schließlich auf einem befestigten Weg, der „Zum Rieder“ führt. Wer oder was „Rieder“ sein mag, er oder es ist auf der Karte verzeichnet. In der Ferne höre ich das Signal eines durchfahrenden Zuges und erinnere mich, dass in der Wegbeschreibung zweimal die Rede von Bahnübergängen ist. Ich und die Bahn, das ist wie Fisch und Wasser, also gehe ich in Richtung des Zugsignals, und siehe da, ich bin auf dem richtigen Weg.

Auf einer Viehweide sehe ich Fleckvieh und Murnau-Werdenfelser(?) und erinnere mich zum xten Mal daran, dass ich etwas über Viehrassen im Voralpenland lernen muss. Was ich nicht über diese Gegend weiß, geht – naja- auf keine Kuhhaut.

Inzwischen ist es warm geworden und unzählige Bremsen schwirren herum. In Fuchsbichl drücke ich mich an einer Hausecke zwischen zwei Holzstapel und entledige mich so unauffällig wie möglich meines Unterhemdes, über das ich in München auf dem Bahnhof noch froh war. In Moosrain passiere ich einen Garten, den ich in jedem Herbst vom Zug aus wegen seiner Asternbeete bewundert habe. Astern gibt es noch nicht, aber Kornblumen und Mohn stehen außen am Zaun. An Dürnbach vorbei gehe ich auf einem schmalen Feldweg. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt erlaubt ist, da zu gehen, aber irgendjemand scheint den Weg in Ordnung zu halten und für einen landwirtschaftlichen Weg ist er zu schmal und unpraktisch. Ich frage mich, ob es da Kreuzottern gibt und erinnere mich an ein Buch über einen schwedischen oder dänischen Hütejungen, das ich als Kind gelesen habe. Der Junge, der bei der Arbeit stets barfuß ging, musste sich vor Kreuzottern in Acht nehmen. Beim Gehen machte er so viel Lärm wie möglich, um die Schlangen zu verscheuchen.

In Kaltenbrunn frotzeln zwei schon weißhaarige Herren: Ob ich denn kein Fahrrad hätte? Ich grinse nur und gehe weiter. Wie erwartet, genügt das den Herren als Reaktion. Auf dem Weg zum See hinunter sehe ich, dass eine Weide einen neuen Zaun hat und jemand den alten Schlehenbusch abgehackt hat. (Der Frevler möge verflucht sein. Hätte ich doch nur mehr Schlehen gestohlen, als der Busch noch da war.)

Der See scheint wenig Wasser zu haben, die Mangfall ist grün. Der Mangfallsteg muss neu gebaut werden. Ich will ohnehin nicht auf die andere Seite, da ist eine lärmende Gruppe, die kann ich nach der schönen Wanderung gar nicht gebrauchen. In Gmund esse ich ein Eis, dann schlendere ich zum Bahnhof und nehme den Zug nach München.