15.06.2021

Die Stadt riecht nach Sommer, sagte Mitzi Irsaj kürzlich. Nach Schwimmbad, meine ich. Noch fast drei Wochen Urlaub liegen vor mir, und ich freue mich auf eine Fahrt an den See. Zunächst aber wurde ich zum ersten Mal geimpft, und zwar bei meinem Arbeitgeber. Da ich Urlaub habe und nicht an den Schreibtisch zurück muss, komme ich endlich dazu, mir zwei für meine wieder langen Haare dringend benötigte Haarspangen zu kaufen.

Ein Einschub zur Impfung: Mir ist nicht ganz wohl dabei. Die Firmen impfen, das kann man sich vorstellen, nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern in der Hoffnung, so bald als möglich zum normalen Betrieb zurückkehren zu können. Möglicherweise haben große Konzerne wie der, bei dem ich mein Brot verdiene, Druck auf die Politik ausgeübt, um impfen zu dürfen. Im örtlichen Impfzentrum wäre ich jedenfalls noch lange nicht an der Reihe. Andererseits schaue ich einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Letztendlich wird durch die Impfungen in den Betrieben das hiesige Impfzentrum entlastet. Trotzdem bleibt das Gefühl der Vorteilsnahme.

Ich hole die Sommerkleider aus dem Keller. Ich, die ich Einkaufen hasse, möchte mir ein Kleid kaufen. Nicht bestellen, in einem Geschäft kaufen.

Erinnerungen an Frankfurt beim Lesen in Eva Demskis „Scheintod“. Eva Demski muss zur Generation meiner Lehrer*innen gehören, die – meist auf irgendeine Weise links – ebenfalls von abgehörten Telefongesprächen und konspirativen Treffen erzählten. Wie konspirativ diese Treffen wirklich waren, oder ob da – analog zu Gertrud von Le Forts Konvent – eine Gruppe linker Intellektueller ein bisschen „Martyrium spielte“, weiß ich nicht. Ein paar Jahre früher hatten wir als Kinder „Baader-Meinhof-Bande“ gespielt, was eine Abwandlung von Räuber und Gendarm war, und wobei die weniger angesehenen Mitglieder der Clique die Polizist*innen spielen mussten. Obwohl mein Status in der Hierarchie das eigentlich nicht hergab, spielte ich eine Terroristin. Es muss an meinem Vater gelegen haben, der ein stadtbekannter „Roter“ war, dass man mir diese Rolle übertrug.

6 Antworten auf “15.06.2021”

  1. Das ist bei meinem Arbeitgeber auch so. Mein bester Freund, den ich auf mein Impf-Schleicher Gefühl angesprochen habe und der im hiesigen Impfzentrum aushilft, winkte nur ab: “Du ahnst gar nicht, was es wirklich für Impfschleicher gibt und mit welchen Tricks (von dämlich bis genial) die arbeiten.” Ich fragte ihn darauf, wie sie dann im Impfzentrum darauf reagieren: “Die meisten winken wir durch. Wir sind um jeden dankbar, der geimpft ist und so solltest du es auch sehen. Nur die ganz offensichtlich dämlichen, richtigen Impfschleicher ziehen wir aus dem Verkehr. Lass dich impfen! Mach das. Du nimmst niemanden was weg, sondern schützt die, die sich nicht impfen lassen können oder wollen.”
    Morgen ist es soweit. Die erste Impfung steht bei mir an.

    Ich drücke die Daumen!

  2. Du hast recht, die Stadt riecht nach Schwimmbad. Leider habe ich es immer noch nicht geschafft rechtzeitig eine Karte zu reservieren, aber ich hoffe am Wochenende ist es soweit. Viel Glück mit dem Kleid, das steht mir auch noch bevor. Eigentlich etwas schönes, aber bei Kleidern tue ich mich immer schwer etwas passendes zu finden. Liebe Grüße

  3. Bitte keine Probleme mit Arbeitgeberimpfungen. Da spricht man ja schon seit Monaten davon. Je mehr Menschen geimpft sind, desto besser.
    Natürlich haben die Arbeitgeber manifeste Interessen.

  4. Arbeitgeberimpfungen: eigentlich wurscht, wie, Hauptsache, die Leute würden geimpft; aber es zeige schon, wie in unserem Land die Prioritäten liegen. Ich habe nun als Wahlhelferin meinen Pieks bekommen; aber ich bin die letzte aus meinem Umkreis. Zu doof, mich irgendwo reinzumogeln (und ernte Verständnislosigkeit: Wie, du hast nicht behauptet, deine Schwester sei schwanger??).

  5. Ich habe mit meiner (sehr frühen) Impfung auch jede Menge Gewissensbisse gehabt.
    Ih ertrage es immer schlecht, etwas zu bekommen, das andere, die es auch brauchen nicht bekommen. Es IST ja auch ungerecht.

    1. Es gibt ja Gründe, warum die einen früher geimpft werden als die anderen, und ich finde grundsätzlich die Priorisierung richtig. Ich verstehe die Impfdrängler auch ein bisschen, weil Corona ja tatsächlich Angst macht. Andererseits weiß ich von Menschen, die durch jedes Raster fallen, obwohl sie gefährdeter sind als andere.

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