Schaftlach -> Gmund

Am Bahnhof zuerst nach links und dann am Friedhof vorbei, sagt die Wegbeschreibung, aber links ist kein Weg. Ich schaue in alle Richtungen und sehe etwas entfernt einen Hinweis auf einen Radweg in Richtung Gmund. Nun gut, ich bin kein Rad, aber ich folge dem Wegweiser trotzdem. Am Wegrand entdecke ich ein geschnitztes, wunderschön bemaltes Kruzifix, traue mich aber nicht, es zu fotografieren. Vielleicht beim nächsten Mal.

In Schaftlach gibt es schöne Gärten, einen Zahnarzt, Metzger, Bäcker und anscheinend auch sonst alles, was man zum Leben braucht. (Vielleicht sollte ich umziehen und auf Dauer ins Home Office gehen?) Außerdem gibt es einen Hinweis auf eine Kapelle. Auch in der Beschreibung des Wanderwegs wurde eine Kapelle erwähnt, aber woher soll ich wissen, ob beide Male dieselbe gemeint ist? Das ist tiefstes Katholistan, da gibt es wahrscheinlich mehr Kapellen als Klohäuschen. Ich folge also weiterhin dem Radweg nach Gmund, der aber nur allzu bald in eine Bundesstraße einmündet. Auf der einen Seite geht es nach Waakirchen, das ist die falsche Richtung. Die Karte ist nicht sehr deutlich, die schon sichtbaren Silhouetten der Berge sehen für eine Flachländerin wie mich alle gleich aus, und ich bin ja bekanntermaßen ohne Orientierungssinn geboren. Auf gut Glück biege ich in einen Waldweg ein, folge Traktor- und Pferdespuren und lande erst auf einem Holzplatz und schließlich auf einem befestigten Weg, der „Zum Rieder“ führt. Wer oder was „Rieder“ sein mag, er oder es ist auf der Karte verzeichnet. In der Ferne höre ich das Signal eines durchfahrenden Zuges und erinnere mich, dass in der Wegbeschreibung zweimal die Rede von Bahnübergängen ist. Ich und die Bahn, das ist wie Fisch und Wasser, also gehe ich in Richtung des Zugsignals, und siehe da, ich bin auf dem richtigen Weg.

Auf einer Viehweide sehe ich Fleckvieh und Murnau-Werdenfelser(?) und erinnere mich zum xten Mal daran, dass ich etwas über Viehrassen im Voralpenland lernen muss. Was ich nicht über diese Gegend weiß, geht – naja- auf keine Kuhhaut.

Inzwischen ist es warm geworden und unzählige Bremsen schwirren herum. In Fuchsbichl drücke ich mich an einer Hausecke zwischen zwei Holzstapel und entledige mich so unauffällig wie möglich meines Unterhemdes, über das ich in München auf dem Bahnhof noch froh war. In Moosrain passiere ich einen Garten, den ich in jedem Herbst vom Zug aus wegen seiner Asternbeete bewundert habe. Astern gibt es noch nicht, aber Kornblumen und Mohn stehen außen am Zaun. An Dürnbach vorbei gehe ich auf einem schmalen Feldweg. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt erlaubt ist, da zu gehen, aber irgendjemand scheint den Weg in Ordnung zu halten und für einen landwirtschaftlichen Weg ist er zu schmal und unpraktisch. Ich frage mich, ob es da Kreuzottern gibt und erinnere mich an ein Buch über einen schwedischen oder dänischen Hütejungen, das ich als Kind gelesen habe. Der Junge, der bei der Arbeit stets barfuß ging, musste sich vor Kreuzottern in Acht nehmen. Beim Gehen machte er so viel Lärm wie möglich, um die Schlangen zu verscheuchen.

In Kaltenbrunn frotzeln zwei schon weißhaarige Herren: Ob ich denn kein Fahrrad hätte? Ich grinse nur und gehe weiter. Wie erwartet, genügt das den Herren als Reaktion. Auf dem Weg zum See hinunter sehe ich, dass eine Weide einen neuen Zaun hat und jemand den alten Schlehenbusch abgehackt hat. (Der Frevler möge verflucht sein. Hätte ich doch nur mehr Schlehen gestohlen, als der Busch noch da war.)

Der See scheint wenig Wasser zu haben, die Mangfall ist grün. Der Mangfallsteg muss neu gebaut werden. Ich will ohnehin nicht auf die andere Seite, da ist eine lärmende Gruppe, die kann ich nach der schönen Wanderung gar nicht gebrauchen. In Gmund esse ich ein Eis, dann schlendere ich zum Bahnhof und nehme den Zug nach München.

7 Antworten auf “Schaftlach -> Gmund”

  1. Hoffentlich wird das eine dauerhafte Kategorie. 🤩 Ich fand den Bericht ganz wunderbar. Als wäre ich dabei gewesen. Die frotzelnden Weißkopfadler sehe ich förmlich vor mir, wie sie nach dem fehlenden Fahrrad fragen. 😄

  2. Oh, schön. So muß das. .)
    (Bei „Ich bin kein Rad“ sofort an den „Dritten Polizisten“ gedacht; muß ich mal wieder lesen.)

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