24.02.2021

In der Arbeit zwei Telefonkonferenzen, davon eine über Skype. Mein alter Laptop mag Skype leider gar nicht. Eine Stunde skypen, und man kann Spiegeleier auf der Tastatur braten. Morgen steht wieder eine Konferenz an. Die sollte schon vor zwei Wochen stattfinden, aber leider funktionierte die Technik nicht. Also, beim Publikum schon, aber nicht beim Referenten. Man konnte ihn nicht sehen, aber seinen hochroten Kopf und die Zornesfalten erahnen.

Die Wohnung umgeräumt und endlich schöne Vorhänge bestellt. Ich bin ja eine Freundin des Mustermix. Sollte ich meine Wohnung einmal in Gänze fotografieren, würden Sie mich verdächtigen, eine Art Opiumhöhle zu betreiben, aber das sieht nur so aus. Ein Musikerkollege des besten Ex der Welt fühlte sich schon vor Jahren an einen Zirkuswagen erinnert. Das passiert, wenn man Möbel und Teppiche von abenteuerlustigen Großtanten erbt, die allesamt auch schon einen Hang zu kräftigen Farben hatten.

Auf dem Balkon ist eine Leiste, an die man ebenfalls einen Vorhang hängen kann, locker. An einem schwindelfreien Tag im Frühling werde ich sie wieder befestigen. Der Lavendel hat den Winter bisher überstanden, aber Rosmarin und Thymian sehen traurig aus. Die Krähen suchen ihren Schlafbaum jeden Tag später auf. Ich studiere das Leben der Krähen; die Welt ist klein geworden durch Corona.

Pandemiespaziergang

Tor mit Mütze
Isarwasser
„Die Bayern sind ein unmoralisches Volk“ pflegte meine Urgroßmutter zu sagen. (Halbnackte Damen unter Bäumen in öffentlichen Anlagen hätten ihren Geschmack sicher nicht getroffen.)
Aber fromm.
Frühlingsanlagen I
Frühlingsanlagen II
Frühlingsanlagen III
Frühlingsanlagen IV
Ausschnitt aus einem Foto an einer Plakatwand.
Unten in der Mitte, schlecht zu erkennen, Otto auf einem Pferd mit einer leichten Ramsnase (das galt zeitweise tatsächlich als schön). Ansonsten blauer Himmel.

Nicht fotografiert: zwei badende Damen im Bikini in der Isar. Sie können mir das glauben oder nicht. Ich hätte gerne ein Foto gemacht, aber ich bin doch keine Voyeuse.

20.02.2021

Darf man während einer Pandemie den eigenen Keller betreten? Sicher, aber was ist, wenn der eigene Keller sich nicht im selben Gebäude befindet wie die eigene Wohnung? Man darf hier die Wohnung nur aus triftigem Grund verlassen. Sport unter freiem Himmel ist erlaubt, Treffen mit maximal einer Person aus einem anderen Hausstand ebenfalls, sogar in geschlossenen Räumen. Im eigenen Wohnwagen und in der eigenen Ferienwohnung dürfte ich übernachten und/oder nach dem Rechten sehen. Aber ist es erlaubt, den eigenen Keller im nächsten Stadtviertel zu betreten, um dort ein bis zwei Stunden mutterseelenallein Flamenco zu tanzen? Ich dürfte mit einem Personal Trainer sogar in der eigenen Wohnung trainieren. Auch als Hobbymusikerin dürfte ich mit einer weiteren Person in einem geschlossenen Raum proben. Ich beschließe, dass ich Hobbymusikerin bin – Flamencoschritte sind ja auch Percussion – und ein Personal Training, wenn auch ohne Personal Trainer absolviere.

Nach Monaten nutze ich den ÖPNV und sehe ausnahmslos korrekt getragene FFP-2-Masken. Eine freundliche Kroatin spricht aus, was ich denke: Im Bus hält man überwiegend Abstand, beim Spaziergang an der Isar nicht. Die Massen sitzen, stehen, gehen am Ufer und berühren sich dabei nur gerade so nicht.

Ich tanze nur gut 90 Minuten, das reicht für ein bisschen Körper- und Fußtechnik, Tango, Guajira, Farruca und Petenera. Die Choreographien kann ich mit nur zwei „Hängern“ noch, was mich selbst überrascht. Die „schweren Brocken“ Siguiriya und Tientos lasse ich aus. Ich fühle mich nach der langen Tanzabstinenz weder geistig noch körperlich in der Lage.

Im Spiegel finde ich mich alt, dick und hässlich. Meine grauen Haare ärgern mich. Die Kilos, die ich coronapanikbedingt anfangs abgenommen hatte, habe ich coronafrustbedingt fast wieder zugelegt. Der Mangel an körperlicher Betätigung hat Spuren hinterlassen. Ja, meine Arme sind beim Tanzen nach wie vor ästhetisch (wenn ich daran denke, die Schultern unten zu lassen), ja, auch Carmela Greco, um einiges älter als ich, steht seit Jahren ungeniert mit grauen Haaren auf der Bühne. Ich werde keine Bühne mehr betreten, und dennoch…

Eigentlich will ich auf dem Rückweg nur einmal schauen, ob sie im Bioladen farbloses Henna haben. Haben sie nicht, und ich komme mit mokkabraunem Haarfärbemittel nach Hause. Zu Hause ärgere ich mich über mich selbst und diesen unnötigen Kauf und stelle die Farbe als ein Monument meiner Dummheit ins Regal.

19.02.2021

Um ein Uhr nachts wache ich hungrig auf. Nach einem Käsebrot und einer Mandarine sowie einem Kapitel Krimi schlafe ich jedoch wieder ein.

Im Büro viele Dummheiten (anderer Leute).

Auf dem Friedhof gegenüber kämpfen sich Männer in grünen Westen durchs Gestrüpp. Andere, in orangefarbenen Westen, turnen in den Bäumen und sägen Äste ab. Die Krähen finden sich jeden Tag etwas später auf ihrem Schlafbaum ein, die Meisen verlustieren sich paarweise und in Grüppchen zwischen kahlen Zweigen.

Anderswo ist die Rede von Spinnen, und ich bin erstaunt, wie viele Menschen Spinnen verabscheuen. Noch anderswo geht es um Neid, vermiedene Glückwünsche und den erkennbaren Wunsch, jemandem zu schaden, weil dieser einen ersten beruflichen und künstlerischen Erfolg hatte, und darüber staune ich noch mehr.

Mit Buchempfehlungen halte ich mich normalerweise zurück. Meines Geschmacks bin ich mir viel zu unsicher, wohl wissend, dass ich in vielerlei Hinsicht nicht so bin wie andere Leute. Dennoch bin ich gespannt, wie der Freundin das empfohlene Buch gefällt.

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Am Abend: Gedenken, Trauer, Verzweiflung, Wut. Ich habe keine Worte, die dem gerecht werden würden.

18.02.2021

Wieder in Etappen geschlafen, was nicht dramatisch ist, weil ich heute keinen Frühdienst habe. Ich wache schließlich zum letzten Mal um kurz vor sieben auf. Wie jeden Morgen sehe ich in der Mediathek die Tagesschau vom Vorabend.

Mein Patenonkel hat Geburtstag.

Auf dem Friedhof gegenüber wird emsig gearbeitet. Kleinlaster einer Gärtnerei und eines Steinmetzbetriebs wuseln herum. Der Friedhof lebt in Erwartung des kommenden Frühlings auf.

Citrix funktioniert heute einwandfrei.

Manchmal muss man ja ein „Like“ setzen, weil jemand sich Mühe gibt. Etwas von sich erzählt, ein für ihn_sie wichtiges Foto zeigt, sich auf eine Weise öffnet, die außerhalb von Kleinbloggersdorf sehr ungewöhnlich wäre. Manche Blogeinträge sind Kassiber aus einer anderen Welt; manche sind Geschenke. Manche Blogs erlauben keine Likes, aber in meinem Kopf setze ich eins, auch wenn es niemand sieht.

Die Freundin und ehemalige Kollegin ruft an und erzählt vom Urlaub zu Hause im Corona-Winter. Sie näht, sie liest, sie musiziert.

17.02.2021

In Etappen geschlafen: von 20.00 Uhr bis 1.00 Uhr, dann von 02.30 Uhr bis 05.30 Uhr, glaube ich.

Im Home Office fliege ich mehrmals aus Citrix, so oft wie in den letzten sechs Monaten nicht.

Später ordne ich die Favoritenleiste im Browser: Nachrichten, Corona, Blogs. Letzteres ist der Ablageort für alle die Blogs, denen ich nicht mehr über den WordPress-Reader folgen kann und die deshalb auch nicht in der Blogroll erscheinen.

Ein Twitterbruder* verwendete kürzlich das hübsche, aber böse Wort „Wirtsbewegung“. Wenn ich es richtig verstanden habe, soll es sich dabei um eine bereits existierende größere Bewegung handeln, an die sich eine kleinere Bewegung anhängt, die dann die größere Bewegung spaltet und übernimmt. (Beispiel: eine Gruppe intersektioneller Feministinnen übernahm 2012 das Alphamädchen-Blog „Mädchenmannschaft“.) So ein Prozess kann Fortschritt bedeuten oder aber Fanatisierung und Auseinanderbrechen der Bewegung.

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Auf Spotify höre ich den zweiten Teil des Podcasts 190220 – Ein Jahr nach Hanau. (Vielen Dank an Aurora, die auf ihrem Blog darauf hingewiesen hat. Auroras Blog kann ich nicht verlinken, da es nicht öffentlich ist.) Es ist bitter, dass die Angehörigen der Ermordeten das Gefühl haben müssen, „nur diese Ausländer“ zu sein. Es scheint, als hätte man kaum ein Wort des Mitgefühls für sie gehabt. Der Fall geht mir näher als andere vergleichbare. Hanau ist nicht weit von der Stadt entfernt, in der ich aufgewachsen bin. Meine Schwester war in ihrer Traineezeit auch in Offenbach in einer Außenstelle des Innenministeriums. Ich mache mir Gedanken, die ich hier nicht schriftlich niederlegen will.

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*Wenn der Twitterbruder dies liest und seine Twitter-Handle hier eingefügt sehen möchte, tue ich das gerne. Ich möchte nur nicht, dass er Ärger bekommt, weil ich ihn hier erwähne.

12.02.2021

Um vier Uhr wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Um fünf Uhr gebe ich auf. Ich will einen Gedanken notieren, den ich schon wieder vergessen habe, als ich Kaffee koche.

Das Entsetzen, das mich angesichts dieser Pandemie von Zeit zu Zeit befällt, steht im Gegensatz zu der (häufig gespielten) Zuversicht, die ich gegenüber meiner Umwelt an den Tag lege.

Im Spamordner finde ich Kommentare, deren Sätze anscheinend mit dem Zufallsgenerator entworfen wurden. Man erkennt grammatikalische Strukturen, die durchaus plausibel sind. Das Vokabular existiert, aber beides zusammen ergibt trotzdem keinen Sinn. Dahinter muss eine nicht allzu intelligente KI stecken.

In Brasilien soll eine dreimal ansteckendere Variante des Corona-Virus entdeckt worden sein. Die Impfstoffe sollen laut dem brasilianischen Gesundheitsminister aber auch gegen diese Variante wirken. Inwieweit man jedoch dem Minister vertrauen kann, weiß ich nicht.

Es heißt, die Menschheit trinke zurzeit mehr Alkohol als gewöhnlich. Vor den Recyclingcontainern stehen jedenfalls zwischen sieben und zehn Reihen leerer Flaschen. Wenige Meter entfernt gibt es einen weiteren Altglascontainer, dann noch einen in der Parallelstraße und einen ein paar hundert Meter die Parallelstraße hinunter. Letzterer ist eigentlich immer voll, aber in einem der beiden anderen wäre vielleicht Platz gewesen? So wird das nichts mit der Menschheit, wenn es bereits bei so einfachen Dingen mit Solidarität und Rücksichtnahme nicht klappt.

Als ich nach Hause komme, habe ich Halsschmerzen. Zum Glück muss ich bei der Arbeit nicht so viel telefonieren wie sonst am Freitag. Trotzdem bin ich am Ende heilfroh, dass der Arbeitstag vorbei ist. Ich koche Grießbrei mit dem letzten Rest Grieß und frage mich, wie lange Polenta haltbar ist (und wann ich die eigentlich gekauft habe. Und warum?).

11.02.2021

Aufgewacht um fünf Uhr. Einigermaßen geschlafen. (Es mag Sie langweilen. Diese Notizen über meinen Schlaf mache ich für mich, nicht für die Nachwelt. Bis vor kurzem habe ich schlecht geschlafen, wegen der Pandemie, aber vor allem wegen des Jobs. Man muss realistisch sein: in meinem Alter und in diesen Zeiten werde ich keinen anderen mehr finden. )

Der Wetterbericht sagt -10 Grad, das Thermometer am Küchenfenster – 3. In der Innenstadt ist es natürlich wärmer. So oder so ist es Winter.

Ich lese zu wenig und schreibe zu viel. (Diese Pandemie sollte unter anderem deshalb enden, damit solche wie ich aufhören, um sich selbst zu kreisen. Was ein entsetzlich egozentrischer Satz ist.)

Der Arbeitstag beginnt ruhig. Vielleicht muss ich lernen, mich nicht mehr für alles verantwortlich zu fühlen und auch nicht mehr verantwortlich machen zu lassen. Es bleibt ruhig, bis sich kurz vor Dienstende eine sehr unverschämte Kundin mit einem Anliegen meldet, das eigentlich nicht zu den Leistungen gehört, auf die sie Anspruch hat. Auf dem Kulanzwege kann ich ihr helfen, brauche aber Informationen, die sie mir nicht geben kann. Ich erkläre ihr, was sie tun muss, um die nötigen Informationen zu finden, aber sie weiß es besser. Schließlich beschimpft sie mich so wüst, dass ich ihr drohe, sie ihrem Schicksal zu überlassen, wenn sie ihren Umgangston nicht mäßigt. Zum Glück übernimmt ihr Freund das Gespräch und gibt mir die Informationen, die ich brauche, um die Hilfeleistung zu organisieren. (Ich bin hart im Nehmen, aber wer mich im Gespräch mehrmals eine blöde alte Kuh nennt, der darf sich auch gerne selbst helfen. Was in diesem Fall übrigens ohne weiteres möglich gewesen wäre.)