15.09.2021

Afghanistan, sagt die ehemalige Politikerin, sei es schon lange nicht mehr gut gegangen. Man versuche, zu überleben, egal unter welchem Regime.

Ich sehe mir an, was es auf arte zu dem Thema zu sehen gibt.

Der beste Ex der Welt unterrichtet wieder und hat einen weiteren Job. Er ist müde, so müde wie ich, als ich für uns beide sorgen und vorausdenken musste.

Der Betriebsrat hat einer Betriebsvereinbarung zugestimmt, die eine kontinuierliche Einzelplatzauswertung ermöglicht. Nur unter diesen Umständen will man weiterhin Home Office zulassen. Da ich den Laden kenne, muss ich an die Waage der Baleks denken.

Die Niederbayerische Nemesis und Susi Südzucker haben gemeinschaftlich eine Akte verbockt. Jede meinte, die andere würde daran weiterarbeiten. So geschah gar nichts, und ich hatte einen tobenden Kunden am Hals. Sie sehen mich leise grinsen: beide Damen sind sehr schnell bei der Hand, wenn es darum geht, anderen Fehler nachzuweisen.

13.09.2021

Das Monster ist kein Monster, denke ich noch am Morgen. Dann komme ich auf die Idee, seine auf Paschtu und Dari geschriebenen Tweets durch den Googleübersetzer laufen zu lassen. Nicht bösartig, aber ein Hardliner, und dazu ein sprachgewaltiger mit scharfer Zunge. Nicht einmal der Googleübersetzer kann das verhehlen. Zum 11. September äußert er sich nicht, weder bedauernd, noch triumphierend. Mit Sicherheit ist er aber kein naiver Junge, der aus Versehen in die Fänge der Taliban geraten ist. Er spricht mindestens drei Sprachen, und er hat möglicherweise einen gewissen Einblick in die Pläne der neuen Regierung Vor ein paar Tagen schon hat er mir seine Handynummer gegeben und vorgeschlagen, per WhatsApp zu kommunizieren. Ich speichere die Nummer zunächst, lösche sie aber wieder. Kann man sich mit einem Talib überhaupt verständigen?

Auf Twitter finde ich die afghanische Künstlerin Shamsia Hassani. Ihre Bilder berühren mich sehr.

Anderswo macht sich Unlust am Bloggen bemerkbar. Das ist schade, handelt es sich doch um zwei langjährige Blogger, die ich sehr schätze. Noch anderswo wird gar nicht mehr geschrieben.

Ich selbst betrachte die Welt mit zunehmender Verzweiflung.

Anderswo

Heute nur ein Link, aber der hat es in sich. In der Mediathek bei arte habe ich eine vierteilige Dokumentation gefunden. Hier ist der erste Teil von „Afghanistan. Das verwundete Land.“

Ansonsten gedenke ich der Toten des 11. September.

Ein Blognachbar hat Geburtstag. An ihn will ich auch denken.

Der Talib und ich gehen ans Eingemachte: Frauenrechte.

10.09.2021

Ein Kollege im Außendienst versucht, mich zum Betrug an unserem gemeinsamen Arbeitgeber zu verleiten. Als ich nicht darauf eingehe, droht er mir mit Konsequenzen. Vor zwanzig Jahren hätte das funktioniert, der Außendienst war die heilige Kuh der Branche und durfte sich alles erlauben. Aber heutzutage gibt es etwas, das heißt „Compliance„, und das erleichtert mein Leben erheblich. Denn unser Außendienst neigt nach wie vor zur Korruption.

Ich dolmetsche für einen Innendienstkollegen und wundere mich wieder einmal, dass die Tätigkeit des Dolmetschens nach Meinung meiner Kolleg*innen offensichtlich auch Sekretariatsarbeiten und sonstige Dienstleistungen beinhaltet. Vermutlich habe ich Glück, dass man mich noch nicht zum Kaffeekochen geschickt hat. Übrigens ist es nicht so, dass ich neben meinen Dolmetscherinnendiensten nicht auch noch eigene Akten hätte.

Wie sagte meine ehemalige Vorgesetzte immer? Manche können Sprachen, und andere sind intelligent. Ich kann eben Sprachen.

Der große Zitronenfalter wurde in den letzten Tagen wieder mehrmals gesichtet.

09.09.2021

Mein Gespräch mit dem Talib geht weiter. Er scheint mir relativ jung, (außen-) politisch interessiert und fest davon überzeugt, dass unter einer Taliban-Regierung ein besseres Leben möglich sein wird.

Susi Südzucker darf das Teammeeting leiten und ist in ihrem Element. Irgendwann schalte ich innerlich ab.

Eine der bayerisch sprechenden Kolleginnen schimpft über einen Kunden, der Sächsisch spricht. (Hören sich manche eigentlich beim Reden zu?)

06.09.2021

Meine Mutter fragt mich nach einem Rezept, das sie mir vor Monaten geschickt hat und bei sich nicht mehr findet. Ich kann es auch nicht mehr finden und fürchte, dass es meiner letzten Aufräumaktion zum Opfer gefallen ist. Falls jemand ein einfaches Rezept für Fenchel, Fisch und Kapernsauce in einer Auflaufform hat, immer her damit. Meine Mutter ist im Kopf noch ziemlich fit, aber sie vergisst doch das eine oder andere. Deshalb schickt sie mir Rezepte immer mehrfach. Normalerweise schaue ich, ob ich das Rezept schon irgendwo habe und wenn ja, dann landet das neue Exemplar im Papierkorb. Hier muss ich alle drei bis sieben identischen Rezepte weggeworfen haben.

Auf Twitter rede ich kurz mit einem Talib. Ich möchte wissen, was solche Menschen bewegt. Deshalb würde ich das Gespräch gerne fortsetzen, andererseits weiß ich nicht, was für Erwartungen ich wecken würde. Mir fällt es immer schwer, jemanden nach intensiven Diskussionen fallen zu lassen, selbst wenn wir im Streit auseinandergehen. Kann man einen Menschen überhaupt überzeugen?

Ich scrolle durch seinen Twitter-Account, versuche, mir ein Bild zu machen. Ich verstehe nicht, was er schreibt. Die Fotos und kurzen Videos, die er postet, scheinen mir Machtdemonstrationen der Sieger zu zeigen: erbeutete Waffen, Fahnen, die gehisst werden, ein Mann, der einen reich ausgestattetes Haus betritt und das Foto eines Machthabers(?) zerfetzt. Ich kann nicht erkennen, wer der mögliche Machthaber sein könnte, die Qualität des Videos ist zu schlecht. In einem anderen Video redet ein Mann, den ich für einen Geistlichen halte, auf jüngere Männer ein, aber worum geht es? Bestärkt er sie oder versucht er, sie von ihrem Tun abzuhalten?

Wieso möchte ich wissen, was einen Talib umtreibt?

Pandemiespaziergang

Nicht im Bild: der Birnbaum, vom dem ich heute kein gutes Foto machen konnte. Manchmal will das Licht einfach nicht. Einige Kleiber liefen den Stamm hinauf und hinunter; das Treiben zu fotografieren habe ich gar nicht erst versucht.

Frau Lakritzes Bach, der so heißt, seit der Frau Lakritze ein Foto gefallen hat, das ich von ihm gemacht hatte, ist vollkommen zugewachsen und fast gar nicht zu sehen. Im Winter dann wieder.

02.09.2021

Der Herbst ist gekommen, und ich muss an den armen Miguel denken, der sich vor den Zumutungen des Lebens in die Berge flüchtete und gar nicht mehr herunterkommen wollte. Die Sängerin ist Esperanza la del Maera (1922 – 2001), die schon als Kind als Sängerin und Tänzerin auftrat, aber – wie viele Frauen ihrer Generation in Andalusien – ihre Karriere aufgab, als sie heiratete. In 1996 begann sie wieder aufzutreten und konnte mit der Gruppe Triana Pura noch einige Erfolge feiern.

In die Berge zu flüchten wäre aber nichts für mich, die Berge mag ich nicht, die machen mir zu viel Theater.

Die Firma hat sich laut eigener Aussage mit Gendergerechtigkeit befasst. Fazit: die einzig zulässige Form ist Mitarbeiter/innen, nicht MitarbeiterInnen oder Mitarbeiter*innen. „Mitarbeitende“ ist auch verboten; das kann man lächerlich finden, andererseits ist nach meinem Sprachgefühl „Mitarbeitende“ tatsächlich nicht immer ein passendes Synonym für Mitarbeiter*innen. In Videos oder Podcasts ist der Glottisschlag nicht zulässig. Auf Englisch darf man „actor“ sagen, aber nicht „actress“. Ja, dazu habe ich auch schon Gedanken englischer Muttersprachler*innen gelesen, nach denen „actor“ beide Geschlechter meinen soll. So ganz überzeugt hat mich das aber nicht.

Worüber ich mich gestern maßlos aufgeregt habe, darüber kann ich heute schon lächeln. Die niederbayerische Nemesis, meine blutjunge Interimschefin, möchte, dass wir uns jeden Morgen vor Augen führen, warum wir „den Job so mögen“ (ihre Formulierung). Ich lese Joanne Harris‘ St. Oswald-Trilogie (ja, ich weiß, trivial) und identifiziere mich immer mehr mit Mr Straitley, auch wenn ich noch nicht ganz so alt und keine Lateinlehrerin bin.

Im Übrigen ist mir das alles ziemlich egal.